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sprachsensible Unterrichtsmaterialien in Leichter Sprache

Sprachheilpädagogische Wortschatzarbeit

Grundlagen der Wortschatzarbeit

Bei Kindern mit einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES) kann es zu einer Beeinträchtigung des Wortschatzes kommen. In solchen Fällen liegt eine lexikalische Störung vor, die zu Defiziten bei den Wortbedeutungen, der Lautgestalt bzw. Aussprache von Wörtern und/oder dem Abrufen von Wörtern führen kann.

Die hier vorgeschlagene Förder-Methode der Elaborationswürfel möchte diesem Umstand Rechnung tragen und orientiert sich an zwei Konzepten. Dies ist zunächst das Modell eines Lexikoneintrags in Anlehung an Luger (2006, S. 30 zitiert nach Reber & Schönauer-Schneider, 2022, S. 76). Lugers Modell ordnet die Informationen eines Eintrags im mentalen Lexikon zwei Kategorien zu: Lemma und Lexem. Während es in der Lemma-Kategorie um Wortbedeutungen und Assoziationen zu Wörtern geht, umfasst die Lexem-Kategorie Informationen zu Wortformen (Schreibweise und Aussprache).

Modell eines Lexikoneintrags in Anlehnung an Luger (2006) als Kreisdiagramm mit Erklärungen Modell eines Lexikoneintrags nach Luger (2006, S. 30 zitiert und verändert nach Reber & Schönauer-Schneider, 2022, S. 76)


Darüber hinaus liegt der hier dargelegten Förder-Methode das Therapiekonzept Wortschatzsammler zugrunde  (Motsch, H.-J., Marks, D.-K. & Ulrich, T., 2018), das sich als evidenzbasierte Strategietherapie bei lexikalischen Störungen im Kindesalter ebenso für die Arbeit mit Deutsch-als-Zweitsprache-Lernenden und Kinder des sonderpädagogischen Förderschwerpunkts Lernen eignet .


Wortschatzarbeit mit den Elaborationswürfeln

Für die Elaboration des Wortschatzes stehen Vorlagen für zwei Elaborationswürfel zur Verfügung:

  • eine Vorlage für die phonologische Elaboration von Wörtern
  • und eine Vorlage für die semantische Elaboration von Wörtern


Phonologische Elaboration

Der Elaborationswürfel für die phonologische Elaboration veranlasst die Schüler:innen dazu, die Wortform bzw. Aussprache eines Wortes auf verschiedene Arten nachzuvollziehen. So orientieren sich die Fragen an den Fragestrategien des Wortschatzsammlers (Motsch, Marks & Ulrich, 2018, S. 195) und berücksichtigen die Vorschläge von Reber & Schönauer-Schneider (2022, S. 85 f.). Die zum Einsatz kommenden Strategien sind die folgenden:

  • Silben schwingen: Die Schüler:innen sprechen ein Wort silbenweise und begleiten die Aussprache mit schwingenden Armbewegungen.
  • Schneckensprache: Die Schüler:innen sprechen ein Wort sehr langsam.
  • Silben trommeln: Die Schüler:innen sprechen ein Wort silbenweise und trommeln die Silben auf dem Tisch.
  • mit einem Gefühl: Die Schüler:innen sprechen ein Wort mit einem Gefühl ihrer Wahl, zum Beispiel fröhlich, traurig, wütend etc.
  • Robotersprache: Die Schüler:innen sprechen ein Wort silbenweise und abgehackt wie ein Roboter. Dabei dürfen die Schüler:innen die Aussprache mit roboterartigen Armbewegungen begleiten.
  • Silben klatschen: Die Schüler:innen sprechen ein Wort silbenweise und klatschen die Silben.



Die Arbeit mit dem Elaborationswürfel zur phonologischen Elaboration von Wörtern

Im Unterricht bietet es sich an, die Schüler:innen mithilfe von W-Fragen nach Wörtern zu fragen, damit die richtigen Antworten auf Grundlage der phonologischen Strategien gegeben werden kann. 

Im Biologieunterricht haben wir beispielsweise die Klassen der Säugetiere erarbeitet und in Form der folgenden Grafik festgehalten.

Säugetier-Klassen

Anschließend fand eine phonologische Elaboration des Wortschatzes statt, die mithilfe der nachfolgenden W-Fragen und auf Grundlage des phonologischen Elaborationswürfels durchgeführt wurde.

  • Wie heißt ein Wirbeltier, das seinen Jungtieren Milch gibt?
  • Wie heißen Säugetiere mit Nagezähnen?
  • Welche Säugetiere haben ein Fleischfressergebiss?
  • Zu welcher Klasse gehören Schweine, Kühe und Rehe? 
  • Zu welcher Klasse gehören Esel und Pferde?
  • etc.


Semantische Elaboration

Der Elaborationswürfel für die semantische Elaboration veranlasst die Schüler:innen dazu, die Bedeutung eines Wortes zu wiederholen sowie zu vertiefen und das Wort zu anderen Wörtern in Beziehung zu setzen. Hierbei kommen zum einen die Fragestrategien des Wortschatzsammlers (Motsch, Marks & Ulrich, 2018, S. 195) zum Einsatz, aber auch die Ratschläge von Reber & Schönauer-Schneider (2022, S. 84 f.) finden Berücksichtigung. Die zum Einsatz kommenden Strategien sind die folgenden:

  • Was bedeutet das?
  • Wer hat so etwas? / Wer macht so etwas?: Die Schüler:innen sollen über mögliche Kontexte eines Wortes nachdenken.
  • Wie sieht das aus?: Die Schüler:innen sollen beschreiben, wie die Sache oder die Tätigkeit aussieht.
  • Was mache ich damit? / Wofür brauche ich das?: Die Schüler:innen sollen nachdenken, welche Tätigkeit mit dem Wort in Verbindung steht.
  • Wie heißt der Oberbegriff/Unterbegriff?: Die Schüler:innen sollen ein Wort im mentalen Lexikon verorten.
  • Wie heißt das Gegenteil?


Die Arbeit mit dem Elaborationswürfel zur semantischen Elaboration von Wörtern

Die Arbeit mit dem Würfel für die semantische Elaboration geht im Vergleich zum Würfel mit phonologischen Elaborationsstrategien einen umgekehrten Weg. Die Lehrkraft fragt nämlich nicht nach Wörtern, die dann mithilfe verschiedener Strategien elaboriert werden sollen. Vielmehr gibt die Lehrkraft ein Wort vor, das anschließend auf Grundlage der semantischen Elaborationsstrategien wiederholt und vertieft wird.

So haben wir uns im Deutschunterricht mit Fabeln beschäftigt. Bei den Adjektiven, mit denen das Verhalten der Tiere beschrieben wird, handelt es sich jedoch überwiegend um bildungssprachliche Adjektive bzw. um Adjektive, deren Kenntnis ich nicht voraussetzen konnte. Deshalb habe ich die Adjektive mit schülerfreundlichen Erklärungen in Leichter Sprache schrittweise eingeführt (siehe Auszug auf folgendem Bild). 

Eigenschaften von Fabeltieren


Bei der anschließenden semantischen Elaboration wurde durch mich ein Adjektiv vorgegeben, ein/e Schüler:in würfelte mit dem semantischen Elaborationswürfel und das Adjektiv wurde auf Grundlage der erwürfelten Strategie elaboriert.

Eine vollständige semantische Elaboration eines Wortes soll im Folgenden beispielhaft dargelegt werden.

Wortbeispiel: großzügig

  • Was bedeutet das? Antwort: siehe Bild 
  • Wer hat so etwas?/Wer macht so etwas? Antwort: Die Schüler:innen können sich an eine/n Mitschüler:in erinnern, die/der mal etwas verschenkt hat. 
  • Wie sieht das aus? Antwort: Die Schüler:innen können eine zum Wort passende Geste machen, zum Beispiel das Ausstrecken einer geöffneten Hand, in der etwas liegt. 
  • Was mache ich damit?/Wozu brauche ich das? Antwort: Die Schüler:innen können erklären, dass die Menschen einen besser leiden können, wenn man großzügig ist. 
  • Wie heißt der Oberbegriff/Unterbegriff? Antwort: Als Oberbegriff passt „Eigenschaften“. Die Frage nach dem Unterbegriff kann ausgelassen werden.
  • Wie heißt das Gegenteil? Antwort: Die Schüler:innen können „geizig“ als Gegenteil nennen.

Literatur

  • Motsch, H.-J., Marks, D.-K. & Ulrich, T. (2018): Wortschatzsammler. Evidenzbasierte Strategietherapie lexikalischer Störungen im Kindesalter (3., überarbeitete Auflage) (E-Book). Ernst Reinhard Verlag: München. 
  • Schönauer-Schneider, W., & Reber, K. (2022). Bausteine sprachheilpädagogischen Unterrichts (5., aktualisierte Auflage) (E-Book). Ernst Reinhardt Verlag.
Phonologische Elaboration von Wörtern
Vorlage für einen Elaborationswürfel mit phonologischen Elaborationsstrategien
Elaborationsstrategien_phonologisch.pdf (200.41KB)
Phonologische Elaboration von Wörtern
Vorlage für einen Elaborationswürfel mit phonologischen Elaborationsstrategien
Elaborationsstrategien_phonologisch.pdf (200.41KB)


Semantische Elaboration von Wörtern
Vorlage für einen Elaborationswürfel mit semantischen Elaborationsstrategien
Elaborationsstrategien-semantisch.pdf (385.64KB)
Semantische Elaboration von Wörtern
Vorlage für einen Elaborationswürfel mit semantischen Elaborationsstrategien
Elaborationsstrategien-semantisch.pdf (385.64KB)


Sprachheilpädagogik




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